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Das andere Mal im ersten Mal?
Eindrücke zu den Double Portraits von Gerd Hasler

 

Die Zeit und der Ort des anderen Mals (the other time) arbeiten und verändern schon at once, sogleich, das erste Mal, den ersten Schlag und das at once. Solcherart sind die Tücken, die mich interessieren: das andere Mal im ersten Mal, mit einem Schlag, at once.
Jacques Derrida
Im Betrachten der Bilder von Gerd Hasler verliert sich der Blick immer wieder und stets aufs Neue im Unentscheidbaren. Eindeutige Bestimmungen von etwas als etwas werden ebenso konterkariert wie klare Einordnungen in Zusammenhänge versagt bleiben. So wird in waterscapes jeglicher identifikatorische Zugriff unterwandert, da sich als unklar erweist, ob es sich um Makro- oder Mikroaufnahmen handelt; genauso gewinnt das Augenspiel in monochromes kaum einen Halt, indem die Frage, was denn da zu sehen sei, in einer verstörenden Weise ungeklärt bleibt. Selbst ob es sich um ein Gemälde oder um eine Photographie handelt, kann der heraus- und überforderte Blick nicht befriedigend beantworten. Haslers Bilder zwingen die Betrachtenden nicht nur, etwas Anderes zu sehen, sondern evozieren eine seltsame Art von Geduld, im abermaligen und wiederholten Hinblicken anders sehen zu lernen. Eine Geduld freilich, die weniger von einer befriedigenden Kontemplation als vielmehr von einer steten Beunruhigung begleitet sein wird. Daher wird dem Bild ebenso wenig die Rolle übertragen werden können, Realitäten bruchlos abzubilden, da bei allen Bildern – selbst bei der Photographie – nicht eine bloße Verdopplung des Dargestellten zum Ausdruck kommt, sondern eine Weise der Darstellung, in der Anderes zum Vorschein kommt, in der Unvorhersehbares aufbricht.
Diese Irritationen kehren nun in den Double Portraits in einer verstärkten Weise wieder. Obwohl ersichtlich wird, dass sich hier jemand zeigt, stellt sich alsbald ein Unbehagen ein, das nicht wieder abzustreifen ist. Das Portrait wird gemeinhin als die künstlerische Ausdrucksform verstanden, die das Wesen der oder des Dargestellten aufzuzeigen vermag, ganz wie es die lateinische Wurzel des Wortes pro-trahere als „hervor-“ oder „heraus-ziehen“, nahelegt. Das eigentlich Innere einer Person wird vermeintlich nach Außen gekehrt, um es für alle Betrachtenden ansichtig zu machen. Das Ausgesetztsein des portraitierten Subjekts wird so zur Schau gestellt. Doch gerade dieser Exhibitionismus wird von Haserls Doppelbilderportraits subversiv unterlaufen: Ganz fokussiert auf das betreffende Gesicht, das dem Betrachter überdimensional gegenübersteht, verliert sich alles andere im Dunkel. Doch nicht einmal auf den ersten Blick wird das Einzigartige der jeweiligen Person, verstärkt durch Reduktion der realen Farbhelligkeitsnuancen auf ein klassisches Schwarzweiß-Spektrum, hervorgeholt. Diese vermeintliche kondensierte Singularität sieht sich einer frappierenden Verdopplung ausgesetzt. Sind es dieselben oder die gleichen Bilder? Es schleicht sich sukzessive das Unbehagen ein, dass die zwei Bilder zugleich eines sind, gleichwohl sie sich nicht addieren lassen, da sich keine beruhigende Symmetrie einstellt. Jedes Bild wird im Augenblick der Betrachtung zugleich konstituiert und gespalten durch die Verdopplung dessen, was sich darin als Singuläres darbietet. Ähnlich wie bei einem Suchbildrätsel trachtet der Blick danach, Unterschiede auszumachen, um im Vergleichen Verbindungen zwischen den zwei Bildern herzustellen; ein Unterfangen, das scheitert, denn der aufklaffende Spalt erfährt keine Versöhnung. Gerade indem sich kein Unterschied zwischen den beiden Portraits ausmachen und angeben lässt, wird die inhärente Differenz paradoxerweise gesteigert.
Wird hier Gleiches wiederholt oder zeigt sich unterschiedslos Dasselbe? Eine Wiederholung, so unscheinbar sie auch sein mag, wiederholt immer anders. Denn exakt dasselbe kann sich nie abermals ereignen. Selbst wenn genau derselbe Inhalt wiederholt werden würde, wären doch die Situation, der Kontext, die Adressierung oder zumindest die Zeit nicht mit den vorhergehenden vollkommen identisch. Jede Wiederholung ist somit notwendigerweise als Wieder-Holung immer schon von alteritären Momenten durchzogen. Aber sind die Double Portraits Wiederholungen im eigentlichen Sinne?
Haslers Portraits setzen gerade diese Aporie ins Werk, da der Blick mit dieser Überforderung nicht zu Rande kommt. Erfahren die Portraitierten in der abermaligen Wiederholung Stärkung oder Schwächung ihrer singulären Identität? Kann man sich ein endgültiges Urteil bilden, ob in der wiederholten Hervorholung die Einzigartigkeit der betreffenden Person zweimal verstärkend zur Darstellung gelangt oder ob diese Verdopplung die singuläre Essenz in einer merkwürdigen Weise konterkariert, sodass die Duplizierung der Dargestellten plötzlich weniger wird. Wohin führt die Verdopplung der Identität das betreffende Selbst? Mit diesen Fragen lassen uns die Bilder alleine.
 
Matthias Flatscher